Shibari (Kinbaku)
Shibari, in Japan meist Kinbaku genannt, ist die aus Japan stammende Kunst des Fesselns mit Seil, bei der Muster, Ausdruck und die Beziehung der Beteiligten zählen. Historischer Vorläufer ist das Hojōjutsu.
Shibari, in Japan meist Kinbaku genannt, ist die japanisch geprägte Kunst des Fesselns mit Seil. Im Mittelpunkt steht nicht nur das Festhalten, sondern das Zusammenspiel aus Mustern, Körperausdruck und der Beziehung zwischen fesselnder und gefesselter Person. Als historischer Vorläufer gilt Hojōjutsu, eine Technik zum Festnehmen und Binden von Gefangenen.
Shibari, Kinbaku, Hojōjutsu: was die drei Begriffe meinen
Im deutschsprachigen Raum werden die Wörter oft gleichbedeutend verwendet, sie bezeichnen aber nicht dasselbe.
- Shibari heißt wörtlich „Binden“ oder „Fesseln“ und ist im Japanischen ein Alltagswort, das auch das Verschnüren eines Pakets meinen kann. Außerhalb Japans hat es sich als Name für die gesamte Seilkunst eingebürgert.
- Kinbaku lässt sich mit „straffes Binden“ übersetzen. In Japan ist es die übliche Bezeichnung für das erotisch und emotional aufgeladene Fesseln. Manche Praktizierende im Westen bevorzugen das Wort bewusst, um die Verbindung zwischen den Beteiligten zu betonen, andere verwenden Shibari eher für den dekorativen Aspekt.
- Hojōjutsu, auch Hojojutsu geschrieben, war eine Kampfkunst zum Fesseln Festgenommener. Sie diente der Sicherung, nicht dem Erleben, und ist deshalb keine BDSM-Praktik, sondern ein geschichtlicher Bezugspunkt.
Für die Praxis ist die Unterscheidung zwischen Shibari und Kinbaku weniger wichtig, als Diskussionen darüber vermuten lassen. Entscheidend ist, was im Einzelfall gemeint ist: eine ästhetische Seilarbeit, ein intensives Machtgefälle oder beides zugleich.
Von der Festnahmetechnik zur Seilkunst
Hojōjutsu entwickelte sich im feudalen Japan als Technik der Kriegerschicht und wurde in der Edo-Zeit vor allem von Ordnungskräften genutzt. Gefangene sollten sicher festgehalten und transportiert werden. Nach verbreiteten Darstellungen konnte die Art der Fesselung dabei auch Auskunft über Stand oder Vergehen der Gefangenen geben.
Mit der späteren Seilkunst teilt diese Technik vor allem den Gedanken, dass Seilführung und Knoten einer festen Ordnung folgen. Die Bildsprache gefesselter Figuren fand zudem Eingang ins Kabuki-Theater und in japanische Holzschnitte. Im frühen 20. Jahrhundert setzte sich der Maler und Illustrator Itō Seiu intensiv mit dem Motiv der Fesselung auseinander; er gilt vielfach als Wegbereiter des modernen Kinbaku. In der Nachkriegszeit verbreiteten Zeitschriften und Fotografie die erotische Seilkunst in Japan.
In Europa und Nordamerika wurde Shibari vor allem ab dem späten 20. Jahrhundert bekannt, zunächst über Fotobände und Filme, dann über Unterricht bei japanischen und westlichen Lehrenden. Heute gibt es in vielen Großstädten Workshops, Übungstreffen und Aufführungen. Aus der japanischen Tradition stammt auch die Ehrenbezeichnung Nawashi, sinngemäß Seilmeister, die sich eine fesselnde Person üblicherweise nicht selbst gibt.
Was Kinbaku von westlichem Bondage unterscheidet
Westliches Bondage zielt häufig auf ein Ergebnis: Eine Person soll sich nicht mehr bewegen können, und dafür werden Manschetten, Ketten oder Gurte eingesetzt. In der japanisch geprägten Seilkunst gilt der Weg dagegen als ebenso wichtig wie das Ziel. Das Anlegen des Seils, das Nachspannen, die Pausen und das Lösen sind Teil des Erlebens.
Einige Merkmale werden in Beschreibungen der Seilkunst immer wieder genannt:
- Seil als Verlängerung der Hände: Die fesselnde Person vermittelt über das Seil Nähe, Führung und Druck, statt nur zu fixieren.
- Spannung und Asymmetrie: Haltungen sind oft bewusst ungleichmäßig und erzeugen Ausdruck statt Bequemlichkeit.
- Emotionale Dramaturgie: Hilflosigkeit, Scham, Hingabe oder Ruhe können Themen einer Seilsession sein.
- Konzentration: Viele Sessions verlaufen langsam und fast wortlos, mit großer Aufmerksamkeit füreinander.
Nicht jede Seilsession ist erotisch. Es gibt Menschen, die Seil als meditativ, als intensive Körpererfahrung oder als künstlerische Zusammenarbeit erleben, etwa für Fotografie und Bühne. Andere verbinden die Seilarbeit mit Dominanz und Unterwerfung oder mit Schmerzreizen. Welche Lesart gilt, legen die Beteiligten selbst fest.
Seil, Rollen und Ablauf einer Seilsession
Traditionell wird mit Naturfaserseilen aus Jute oder Hanf gearbeitet. Jute ist leicht und griffig und hält Knoten gut, fühlt sich aber rauer an; Hanf ist schwerer und wird mit der Zeit geschmeidiger. Naturfaserseile werden vor der Nutzung meist aufbereitet, damit sie weniger kratzen und kaum Fasern verlieren. Für den Anfang greifen viele zu Baumwolle oder synthetischen Seilen, die sich waschen lassen.
Naturfaserseil lässt sich nicht zuverlässig desinfizieren. Kommt es mit Körperflüssigkeiten oder verletzter Haut in Berührung, wird es aussortiert oder nur noch für dieselbe Person verwendet. Vor jeder Session wird das Seil auf Scheuerstellen, gerissene Fasern und Verfärbungen geprüft, denn geschwächtes Seil kann unter Last nachgeben. Seilspuren auf der Haut sind üblich und verblassen meist bald; tiefe Abdrücke, Blasen oder Abschürfungen deuten dagegen auf zu viel Druck oder Reibung an einer Stelle hin.
Für die Rollen haben sich mehrere Bezeichnungen eingebürgert. Die fesselnde Person heißt Rigger oder Rope Top, die gefesselte Person Rope Bottom, Modell oder umgangssprachlich Rope Bunny. Wer beide Rollen einnimmt, wird als Switch bezeichnet. Die Rollen hängen nicht am Geschlecht und sagen nichts darüber aus, wer im übrigen Spiel dominiert.
Eine Seilsession folgt meist einem Bogen: ankommen und absprechen, binden, eine Haltung halten, verändern oder nachfassen und schließlich lösen. Das Lösen gilt dabei nicht als Nebensache, sondern als eigener Teil, der langsam und aufmerksam geschehen kann. Die Spanne reicht von einer kurzen, dekorativen Fesselung am Boden bis zu langen Sessions mit wechselnden Haltungen. Ein ruhiger, warmer Raum ohne Störungen, genug Platz und eine weiche Unterlage gehören zum üblichen Rahmen.
Bodenarbeit, Teilaufhängung und Suspension
Ein großer Teil der Seilarbeit findet am Boden statt, im Sitzen, Knien oder Liegen. Diese Bodenarbeit ist keine Vorstufe, sondern eine vollwertige Form, in der sich die meisten Muster und Dynamiken umsetzen lassen.
Bei einer Teilaufhängung trägt ein Aufhängepunkt einen Teil des Körpergewichts, während die Person noch Bodenkontakt hat. Bei der vollständigen Suspension hängt der Körper frei im Seil. Mit jeder Stufe steigen die Anforderungen erheblich:
- Das Körpergewicht lastet auf wenigen Seilabschnitten, sodass Druck auf Nerven und Gefäße schneller gefährlich wird.
- Aufhängepunkt und Material müssen die auftretenden Kräfte sicher tragen; ungeprüfte Deckenhaken, Balken oder Möbel sind ungeeignet.
- Eine Ohnmacht im Seil lässt sich nicht abfangen und verlangt, die Person schnell und kontrolliert zu Boden zu bringen.
- Die Zeit, in der eine Haltung vertretbar ist, verkürzt sich deutlich.
Suspension wird deshalb ausschließlich unter direkter Anleitung erfahrener Lehrender erlernt und nicht nach Bildern oder Videos nachgestellt. Dieses Lexikon beschreibt sie bewusst nicht im Einzelnen.
Nerven und Kreislauf im Seil
Als typische ernste Verletzung der Seilkunst gilt ein Nervenschaden am Oberarm. Bei Fesselungen mit auf dem Rücken zusammengeführten Armen verlaufen Seilwindungen oft über die Außenseite des Oberarms, wo der Speichennerv nahe am Knochen liegt. Wird er zu lange oder zu stark gedrückt, können Taubheit am Handrücken und eine Schwäche beim Anheben der Hand oder beim Abspreizen des Daumens folgen. Weitere empfindliche Stellen sind das Handgelenk, die Innenseite des Ellenbogens, die Achsel und die Außenseite des Unterschenkels unterhalb des Knies.
Tückisch ist, dass solche Schäden nicht zwingend schmerzen. Die gefesselte Person spürt womöglich nur ein leichtes Kribbeln oder nimmt in tiefer Versunkenheit gar nichts wahr. Auch die Durchblutung kann leiden, besonders wenn Arme lange erhoben oder hinter dem Körper gehalten werden. Hinzu kommen Belastungen der Schultergelenke, Kreislaufreaktionen bis zur Ohnmacht, eine erschwerte Atmung durch zu straffe Brustseile sowie Hautabschürfungen, wenn Seil schnell über die Haut gezogen wird.
Zur laufenden Kontrolle gehören einfache Funktionsprüfungen, die in kurzen Abständen wiederholt werden:
- Lässt sich die Hand im Handgelenk nach oben strecken?
- Kann der Daumen abgespreizt werden, lassen sich die Finger spreizen?
- Fühlen sich Hände und Füße warm an, und ist die Hautfarbe unauffällig?
- Wird eine leichte Berührung an Handrücken und Fingern normal gespürt?
Fällt eine dieser Prüfungen auf, wird das betreffende Seil sofort gelöst, im Zweifel mit der Schere. Eine Taubheit oder Schwäche, die nach dem Lösen nicht rasch verschwindet, sollte zeitnah ärztlich untersucht werden. Bis zur vollständigen Erholung wird dieselbe Stelle nicht erneut gefesselt.
Verantwortung auf beiden Seiten des Seils
Sicherheit in der Seilkunst ist keine Aufgabe der fesselnden Person allein. Beide Rollen tragen ihren Teil.
Wer fesselt
- hat eine Sicherheitsschere mit abgerundeter Spitze stets griffbereit
- lässt die gefesselte Person keinen Moment unbeaufsichtigt
- führt kein Seil um den Hals und vermeidet Schlingen, die sich unter Last zuziehen
- plant jede Fesselung so, dass sie sich zügig öffnen lässt
- beobachtet Atmung, Gesichtsfarbe und Körperspannung und fragt regelmäßig nach
Wer gefesselt wird
- nennt vorab Vorerkrankungen, frühere Verletzungen, Medikamente und Ängste
- meldet Kribbeln, Taubheit oder Schwindel sofort, statt tapfer durchzuhalten
- vereinbart ein Safeword und ein Zeichen für den Fall, dass Sprechen nicht möglich ist
- verzichtet auf Alkohol und andere Substanzen, die die Körperwahrnehmung dämpfen
Bei Diabetes, Kreislaufstörungen, bekannten Nervenschäden, Gelenkproblemen, Epilepsie oder einer Schwangerschaft wird vorab ärztlicher Rat eingeholt. Zur Nachsorge gehört, Seilspuren und Beweglichkeit anzusehen, zu trinken und zur Ruhe zu kommen. Eine intensive Seilsession kann auch seelisch nachwirken, bei der gefesselten ebenso wie bei der fesselnden Person.
Shibari lernen: Unterricht, Übung, Geduld
Die Seilkunst hat einen langen Lernweg, und seriöser Unterricht ist dabei Voraussetzung. Workshops vermitteln Grundformen, sichere Seilführung und die nötige Anatomie; auf offenen Übungstreffen, oft Rope Jams genannt, wird unter den Augen Erfahrener geübt. Viele Lehrende empfehlen, beide Rollen kennenzulernen, weil sich Druck und Zug am eigenen Körper am besten verstehen lassen.
Sinnvoll ist ein Vorgehen in kleinen Schritten: Knoten und Seilführung zunächst an Gegenständen üben, dann einfache Fesselungen am Boden, später längere Abläufe mit festen Kontrollpunkten. Bilder in sozialen Netzwerken zeigen meist spektakuläre Aufhängungen und verleiten dazu, Stufen zu überspringen. Ein Erste-Hilfe-Kurs gehört zur Ausbildung ebenso wie das Seil selbst.