Abgrenzung

Zwanghaftes Sexualverhalten (ICD-11 6C72)

Zwanghaftes Sexualverhalten (ICD-11 6C72) ist eine klinische Diagnose für Kontrollverlust und Leidensdruck – keine BDSM-Praktik, da es an Einwilligung und Selbststeuerung fehlt.

Was bedeutet Zwanghaftes Sexualverhalten (ICD-11 6C72)?

Zwanghaftes Sexualverhalten ist eine in der ICD-11 als „Compulsive Sexual Behaviour Disorder“ gelistete klinische Diagnose. Sie beschreibt ein anhaltendes Muster, sexuelle Impulse trotz negativer Konsequenzen nicht steuern zu können, verbunden mit erheblichem Leidensdruck oder Beeinträchtigung von Alltag, Beziehungen oder Beruf. Entscheidend für die Diagnose ist nicht die Häufigkeit sexueller Handlungen an sich, sondern der Kontrollverlust und das subjektive Leiden der betroffenen Person selbst. Eine ausgeprägte sexuelle Neigung oder ein intensives Verlangen ist für sich genommen keine Störung. Erst wenn Kontrollverlust, wiederholtes Scheitern an eigenen Vorsätzen und spürbarer Leidensdruck zusammenkommen, handelt es sich um ein klinisch relevantes Muster, das einer fachlichen Abklärung bedarf.

Warum das kein BDSM ist

Einvernehmliches BDSM zwischen erwachsenen, informierten Personen beruht auf bewusster, widerrufbarer Zustimmung aller Beteiligten und dient dem gemeinsamen Erleben. Zwanghaftes Sexualverhalten dagegen ist gekennzeichnet durch fehlende Selbststeuerung der betroffenen Person gegenüber dem eigenen Verhalten – die Frage der Einwilligung stellt sich hier auf einer anderen Ebene: Es geht nicht um Zustimmung eines Gegenübers, sondern um den Verlust der Kontrolle über das eigene Handeln. Wird durch dieses Verhalten in die Rechte oder die sexuelle Selbstbestimmung anderer ohne deren Zustimmung eingegriffen, liegt keine BDSM-Praxis mehr vor, sondern gegebenenfalls eine Straftat, etwa nach § 177 StGB (sexueller Missbrauch, Nötigung). Die Diagnose selbst ist kein Vorwurf, sondern eine Einordnung, die Betroffenen den Weg zu Behandlung öffnen soll.

Hilfe und Anlaufstellen

Bei Leidensdruck oder Kontrollverlust bietet der Hausarzt einen ersten Anlaufpunkt, ebenso psychotherapeutische Sprechstunden und Sexualmedizinische Ambulanzen an Universitätskliniken. Wer befürchtet, anderen schaden zu können, findet Unterstützung beim Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“. Betroffene von Grenzverletzungen können sich an den Weissen Ring, an Frauen- und Männerberatungsstellen oder an die Telefonseelsorge wenden. Bei akuter Gefahr für sich oder andere gilt der Notruf 110. Alle genannten Angebote arbeiten vertraulich und unabhängig von einer strafrechtlichen Bewertung des Einzelfalls.

Dieser Eintrag beschreibt keine einvernehmliche Spielart, sondern dient der Abgrenzung: Was hier benannt wird, findet ohne Einwilligung statt oder ist strafbar und hat mit BDSM zwischen Erwachsenen nichts zu tun. Wer sich betroffen oder gefährdet fühlt, findet oben genannte Anlaufstellen. Dieser Text ersetzt keine medizinische oder rechtliche Beratung.
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